
Trauma: Schwerverletzte erfahren oft Monate lang die körperliche Wiederherstellung in den verschiedensten Krankenhäusern und Reha- Einrichtungen. Nach den Krankenhausentlassungen kehrt langsam Ruhe ein. Das ist die Zeit, wo die seelischen Veränderungen und Erinnerungen ins Bewusstsein gelangen. Hier erfahren sich die Opfer häufig doppelt gestraft, denn nach dem Wiedererlangen der körperlichen Beweglichkeit wird häufig davon ausgegangen, dass die Seele sich auch beruhigt habe. Die körperlichen Beschwerden überdecken aber oft die seelischen Schmerzen. Opfer beschreiben ihr seelisches Befinden mit dem Satz: " Nichts ist wie es einmal war." Das bedeutet, dass alles durcheinandergeraten ist. Jetzt muss im Leben eine neue Orientierung gefunden werden. Die Lebenssicherheit ist verloren gegangen. (Urvertrauen). Allgemeines Misstrauen, das auf Menschen und Situationen projiziert wird, ist häufig ein neues Erleben. Schulgefühle (Überlebensschuld) können einen hohen Stellenwert bekommen. In all diesen Auseinandersetzungen fühlen sich die Opfer nach anfänglichem Mitgefühl dann bald allein gelassen. Angehörige können die mehrfach erzählte Geschichte nicht mehr hören. Der betroffene Mensch zieht sich von der Außenwelt zurück. Spannungen belasten die Ehebeziehungen. Der Partner beginnt die Veränderung des Opfers als beeinträchtigend zu erleben und häufig geht die Ehe in die Brüche.
Durch diese Veränderungen beginnen die sozialen Netze brüchig zu werden, Freunde ziehen sich zurück, da das Verhalten nicht mehr verstanden wird. Hinzu kommt bei vielen der zermürbende Kampf um finanzielle Entschädigungen und soziale Sicherheit. Oft sind Opfer auf Gutachten angewiesen und machen hier die Erfahrung nicht verstanden zu werden, da sie als neurotisch oder als ohnehin schon seelisch vorbelastet bezeichnet werden. Kränkungen dieser Art scheinen ein PTSD zu verfestigen. Im Gegensatz zu den von den Politikern gegebenen Versprechungen, schnell und ohne Bürokratie helfen zu wollen, wird auf eine penible Schadensaufstellung wert gelegt. Seelische Verletzungen haben in unserem Entschädigungsrecht keinen Stellenwert. Besonders kränkend wird die Tatsache erlebt, wenn der Eindruck entsteht, die Verantwortlichen der Katastrophe vertuschen Kritik an Sicherheitsmängeln und fahrlässigem Verhalten. Dies war besonders bei den Opfern der Katastrophe von Ramstein und der Estonia, von Eschede und der Kursk, sowie von Kaprun und Erfurt der Fall. Auf fast allen Lebensgebieten erfahren die Betroffenen eine Krise der bisherigen Lebensüberzeugungen. Der Glaube und das Gefühl an die Sicherheit, Kontrollierbarkeit und Gerechtigkeit bricht zusammen, so manches Mal auch der Glaube an Gott.
Nach 20 Jahren Erfahrung in der Begleitung u.a. von Katastrophenopfern des Flugtagunglückes von Ramstein (28.8.88) und den Hinterbliebenen des Flugzeugabsturzes der Birgenairmaschine in der Dominikanischen Republik (6.2.96), der Gletscherbahn von Kaprun (11.11.00) und dem Massaker von Erfurt (26.4.02), erkennen wir deutliche Defizite in der Versorgung der Opfer und Hinterbliebenen, aber auch von Helfern und anderer unterschiedlich betroffener Menschen.
Neben körperlich traumatisierten Opfern ( Ramstein) stellen die psychisch Traumatisierten durch die noch mangelnde Weiterbildung von eigentlich dafür prädestinierten Fachkräften und die daraus resultierenden ungenügenden oder sogar schädigenden Hilfsversuche ein oft erhebliches Problem dar. Symptome der Post -Traumatischen - Belastungsreaktion (PTSD) werden anderen psychischen Störungen und Erkrankungen zugeordnet und dann gelegentlich über Jahre in für die Betroffenen verhängnisvoller Weise behandelt. Akustische Halluzinationen mit eindeutig Flashbacks zuzuordnenden Symptomen wurden jahrelang als schizophrene Psychose mit Neuroleptika therapiert. Dabei wurde ein Trauma, von dem die Patienten immer wieder berichten wollten, nicht erkannt und gewürdigt. Es mangelt an hilfreichen Haltungen von Vorgesetzten, Kollegen und Partnern, weil die Folgen und die Zusammenhänge mit traumatisierenden Ereignissen nicht bekannt oder bagatellisiert werden und unsere leistungsorientierte Arbeitswelt mit noch deutlicher Hierarchie vor allem in Polizei und Feuerwehr abweichendes Verhalten nicht akzeptiert. Eine Form der Nachsorge und Betreuung ist die Gruppe. Infos in der nächsten Abteilung.
| |